Vortrag von Dr. Ludwig Hasler
Hittisauer Landgespräche - "Wohlstand, wie weiter"
Willkommen bei Fokus. Im Grunde erfreuen wir uns in Österreich doch gerade eines nie gekannten materiellen Wohlstands. Zudem haben wir eine leistbare Gesundheitsversorgung, eine kostenlose Schulbildung und wir leben in Sicherheit.
Es geht uns gut, könnte man sagen. Trotzdem steigt die Unzufriedenheit und das nicht nur wegen der Inflation. Bei uns geht's heute um den Wohlstand, was er eigentlich bewirken könnte und was er tatsächlich verursacht.
Studien zeigen: Die Menschen rund um den Globus besitzen in Summe derzeit so viel Geldvermögen wie noch nie. Aber freilich nicht alle leben in Überfluss. Laut Oxfam-Bericht besitzen immer noch die vermögensten 10% weltweit die überwältigende Mehrheit des Gesamtvermögens. Gut 85% entfielen zuletzt auf sie. Und während die Superreichen ihr Vermögen massiv vermehren, rutschen Millionen Menschen weiter in die Armut ab.
Besonders groß bleiben diese Unterschiede zwischen dem globalen Norden und Süden. Aber auch in Österreich selbst ist Wohlstand höchst ungleich verteilt, wie zuletzt der Wohlstandsbericht der Arbeiterkammer neuerlich gezeigt hat. Vor allem, wenn dieser Wohlstand in den Augen der Bevölkerung nicht aufgrund ehrlicher Leistung zustande kam, führt das zu politischer Polarisierung, die wiederum die Demokratie gefährdet.
Dr. Ludwig Hasler ist Schweizer Physiker, Philosoph, Journalist und Autor. Er führt, wie er von sich selbst sagt, ein journalistisch-akademisches Doppelleben. Als Philosoph lehrte er an den Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er Mitglied der Chefredaktion beim St. Galler Tagblatt, danach bei der Zürcher Weltwoche. Seit 2001 arbeitet der mittlerweile 81-Jährige als freier Publizist, Vortragender, Hochschuldozent und Kolumnist.
Ja, ich begrüße Sie freundlich und ich muss sagen, ich bin jetzt ein bisschen geniert. Nachdem, was ich gerade gehört habe, denke ich, am schlausten gingen wir jetzt alle nach Hause und würden sofort all das tun, was Herr Götz sagte, ne? Das hat mir sehr gefallen und äh jetzt stehe ich aber da und sie sehen, es gibt mich schon lange.
Äh ich sah auch schon besser aus, unter anderem äh darum, weil ich gerade eine Serie von Augenoperationen hinter mir habe. Und ich kann sie eigentlich nur bitten, nicht von meiner Erscheinung her direkt auf meinen geistigen Zustand zu schließen.
Also zur Sache: Wohlstand, wie weiter. Es gibt schon lange das sogenannte Gesundheitsparadox. Sie kennen das, aber sie wussten es bisher vielleicht nicht. Wir leben immer gesünder und fühlen uns immer kränker. Kostet auch immer mehr, gibt immer mehr Behandlungen. Und ein bisschen ähnlich finde ich geht es mit dem Wohlstand. Es geht uns immer feudaler und wir fühlen uns immer miespetriger. Warum eigentlich?
Jetzt kann man natürlich darüber streiten, ob es uns wirklich so viel besser geht oder nicht. Aber also ich lebe ja schon jetzt einiges über 80 Jahre äh und habe schon allerlei gesehen und muss sagen, also so wie es uns heute geht, ging es Menschen noch nie. So reich, so frei, so sicher, so unterhalten, pausenlos.
Wir hätten also reichlich Grund zu prima Laune und so richtig Appetit auf Zukunft. Stattdessen wirken wir subkutan gereizt, irgendwie gebremst, aus mickrigem Anlass empört. Sogar in der Schweizer Bundesbahn, SBB, ist das Personal nicht mehr sicher vor gewalttätigen Passagieren. Das ist neu. Und ich glaube nicht, dass das jetzt die speziell Armen sind, die da angreifen.
Irgendwie hat sich der Wohlstand um uns herum angehäuft, aber unser Innenleben ist nicht mitgekommen. Unser Innenleben ist zurückgeblieben.
[Moderator-Zusammenfassung]
Dr. Ludwig Hasler hat hier bereits einige Folgen des Wohlstands skizziert. Unser Innenleben ist mit der Anhäufung von Wohlstand rund um uns herum nicht mitgekommen. Jeder siebte Sekundarschüler in der Schweiz ist beispielsweise depressiv, zeigt er auf. Und Ludwig Hasler meint, Wohlstand könnte robust machen. Stattdessen verteidigt man nur, was man hat, sogar Parkplätze. Den Gründen für diese Negativfolgen von Wohlstand geht der Schweizer Philosoph und Journalist nun genauer auf die Spur.
Immer häufiger hören wir bei Umfragen, die Leute fühlen sich erschöpft, ausgebrannt. Im Kanton Zürich, wo ich lebe, ist jeder siebte Sekundarschüler depressiv. Selbst wenn das etwas pinkelig gerechnet ist, nicht – auch wenn es nur die Hälfte sind, ist es schwer erträglich so etwas.
Woran liegt das? Ist es so ein Krampf, den Wohlstand zu sichern? Wächst mit dem Wohlstand auch die Angst vor Verlusten? Macht der Wohlstand träge, faul? Oder liegt es an den Kollateralschäden des Wohlstands, Klima etc.?
Jedenfalls stelle ich immer wieder fest, wir haben viel mehr Therapeuten als Ingenieure. Die Ingenieure sind für die Zukunft da, die Therapeuten für das Versorgen der Wunden der Gegenwart. Kann das gut gehen?
Natürlich leben wir gerade in einem Rattenschwanz von Krisen und Katastrophen. Aber wir könnten ja auch sagen, der Wohlstand macht uns robust. Wir könnten uns etwas leisten nach vorn. Wir könnten wirken, mitwirken an einer irgendwie schlaueren Zukunft.
Stattdessen – auch politisch ist mein Eindruck – dass wir nur noch am Verteidigen sind. Wir verteidigen das, was wir haben, gegen alles, was uns irgendwie Angst macht. Migration, die Zölle natürlich, Parkplatzschwund, ne? So ein ganz gräuliches Übel der Gegenwart, ne? Windräder, nicht? Ich finde die eigentlich ganz probat, nicht, und die KI natürlich.
Aber haben wir noch etwas vor? Haben wir eine Idee oder nicht?
Jetzt kann man natürlich sagen, so küchenpsychologisch, na ja, wir sind halt ein bisschen spät dran, wir hängen ab, wir sind die adipösen Warmduscher geworden, äh Jammerlappen irgendwie auch, vergreist vielleicht nicht. Wir sind dann eine Altersgesellschaft, Gerontokratie, wenn sie es lieber klug haben.
Aber ist es wirklich nur eine Art Katersymptom oder gibt es tiefere Gründe? Und dazu habe ich eine Vermutung und die werde ich jetzt in zwei Strophen durchziehen. Ich werde zunächst eine Art Diagnose machen und dann mich zu einer dreifältigen Therapie erfrechen.
Meine Vermutung ist, wir leben oder wir stecken gerade in der Midlife-Krise der Moderne.
Midlife-Krise. Wenn ich so sehe, die meisten haben sie hinter sich hier. Also muss ich nicht lange erklären. Sie wissen alle, was das ist, ne? Also die Midlife-Krise ist dieses blöde Gefühl: Irgendwann mitten im Leben – war's das nun?
Furchtbar erniedrigende Frage. War das nun – ist nun das geworden aus meinen Träumen, aus meinen Erwartungen und Hoffnungen? Erinnern Sie sich kurz, als sie so 16, 17, 18 waren, ne? Die Welt, das Reich der Möglichkeit, alles ist irgendwie denkbar, noch nichts ist fix. Und dann wird immer mehr fix und der Stimmungspegel senkt – Tiefpunkt 46 – und das ist die Midlife-Krise.
War's das nun? Und dann kommt die zweite ebenso üble Frage dazu: Und geht es nun so weiter? Schluss mit Wünschen, Schluss mit Träumen.
Das ist die Midlife-Krise, die individuelle, und die hat nichts zu tun mit der Art der Umstände. Diese Midlife-Krise trifft besonders die, die schon alles haben. Die anderen können sich noch den Porsche erträumen. Ist dann eine verspätete Midlife-Krise, ne? Kommt dann später, aber sie trifft die, die schon alles haben, nämlich die wunschlos Unglücklichen.
Und meine Vermutung ist, dass uns ziemlich genau diese Krise – Midlife – jetzt kollektiv erreicht hat, dass wir sozusagen eine Gesellschaft von wunschlos Unglücklichen geworden sind.
Natürlich haben wir noch ein paar Restträume, ein paar Restwünsche, aber diese Wünsche beziehen sich in der Regel nur auf den Status Quo. Wir möchten etwas sichern, den Alten eine 13. Rente geben. Haben wir in der Schweiz jetzt gemacht, hat die für ziemlich großen Blödsinn. Man kann den wirklich Bedürftigen meinetwegen eine 15. Rente geben, aber nicht mir noch eine 13. zu Ungunsten der Jungen. Läuft ja immer darauf hinaus, ne?
Also, wir haben keine Träume mehr, die über den Status Quo hinausreichen. Das scheint mir das Problem zu sein.
Midlife-Krise gesellschaftlich heißt: War es das nun mit der Moderne, war es das nun mit der Geschichte der Freiheit, des Fortschritts, des Mehr-mehr-mehr?
Wissen Sie, ich glaube, für das Lebensgefühl der Menschen ist nicht so sehr der Zustand entscheidend, sondern die Aussicht. Was können wir erwarten?
[Moderator-Zusammenfassung]
Der Schweizer Philosoph und Journalist Ludwig Hasler diagnostiziert also eine Midlife-Crisis der Moderne. Er sieht eine Gesellschaft von wunschlos Unglücklichen, die keine Träume mehr haben. Das betrifft besonders die, die alles haben, einen Berg voller Sachen.
[Moderator-Zusammenfassung]
In Fokus spricht heute der Schweizer Philosoph und Autor Ludwig Hasler über die Folgen des Wohlstands. Er sagt: "Für das Lebensgefühl der Menschen ist nicht der Zustand entscheidend, sondern die Aussicht. Was kann man erwarten?" Wir würden derzeit in einer Midlife-Crisis der Moderne leben, meint er, und sieht dafür drei tiefere Ursachen.
Das wäre eine Erklärung dafür: Es geht uns prima, aber wir erwarten kaum mehr etwas Besseres, sondern wir befürchten, dass es jetzt umkehrt, dass das Leben nicht permanent besser, reicher, leichter wird, sondern härter, teurer.
Die Moderne, wenn ich sage eine Midlife-Krise der Moderne, sie wissen was die Moderne ist – so seit dem 18. Jahrhundert neues Zeitalter, hat Gott durch den Fortschritt ersetzt. Menschen brauchen ja immer ein Versprechen, damit sie am Montag zur Arbeit gehen, ne? Sie müssen etwas erwarten dürfen, ne?
Früher waren das äh für irdische Strapazen entschädigende himmlische Ewigkeitsfreuden oder so etwa. Das mag individuell noch immer so sein, aber gesellschaftlich trägt das nicht mehr.
Die Moderne hat gesagt, wir brauchen keinen Himmel, wir machen das selber. Wir werden auf eigene Faust glücklich, indem wir das Leben permanent besser, lustiger, schöner, leichter machen.
Und ich muss sagen, für meine Generation hat's funktioniert. Es ging immer aufwärts. Ich bin jetzt 82. Es ging nach dem Zweiten Weltkrieg immer aufwärts mit Freiheit, Wohlstand, Wachstum, mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Rente, mehr Medizin, mehr Gaudi, ne?
Als ich jung war, gab es kein Gaudi. Heute gibt's fast nur noch Gaudi. Jedes Wochenende. Ich kenne in der Schweiz Leute, die hangeln sich gerade knapp von Wochenende zu Wochenende, nämlich von Schwingfest zu Schwingfest, ne? So ertragen sie die Woche, ne? Und jetzt warten sie dringend darauf, dass jetzt Skifahren kommt, jedes Wochenende Skirennen fahren.
Für meine Generation war der Lauf der Welt günstig. Wir waren eigentlich nicht verwöhnt. Wir begannen anders, aber wir wurden reich entschädigt. Wir hatten keine Krisen. Das Leben wurde immer leichter. Waschmaschinen, Kühlschränke, das Dampfbügeleisen kam plötzlich, Auto, Handy und so weiter.
Die Moderne mit ihrer Verheißung – Steigerungslogik des Fortschritts – eine quasi-religiöse Verheißung eines immer zu Besseren Lebens. Und was passiert, wenn dieser Zug abbremst? Wenn er stillsteht, dann sind wir sauer. Dann fühlen wir uns irgendwie hereingelegt. Falsches Versprechen.
Das ist für mich der Moment der Midlife-Krise der Moderne.
Diese Midlife-Krise enthält mindestens drei Enttäuschungen. Diskutiere ich kurz. Sie kennen sie nämlich.
Der Fortschritt wird ambivalent, also zwiespältig.
Erinnern Sie sich noch vor Corona? Irgendwie dachten wir ganz naiv, jetzt noch ein paar Feinschliffe, Vaterschaftsurlaub, Genderfeinheiten und so weiter, und dann sind wir oben auf dem Berg angekommen. Wohlstand gesichert, Schicksal abgeschafft, Ende der Geschichte.
Und nun sind wir wieder am Berg, nicht auf ihm. Und wir haben das Klettern verlernt. Wir können nicht mehr richtig klettern, weil alles zwiespältig erscheint, was uns zuvor antrieb.
Die Mobilität – wo steckt sie? Da, wo ich wohne, im Stau. Die Freiheit – im Dichtestress. Open Net – in der Desinformation. Irgendwie scheint der Fortschritt aufgefressen zu werden von seinen Kindern.
Kollateralschäden überall: Klima, Müllberge, ne? PFAS auch schon gehört, Mikroplastik haben wir alle schon im Hirn. Das einzig Gute daran ist, dass es mir gelegentlich erklärt, warum so ein Stoß da herauskommt. Denke ich ja, okay, hier Mikroplastik, es spricht Mikroplastik aus dem Kerl, aber und so weiter. Kollateralschäden, Cyberkriminalität und so weiter.
Vor KI warnen uns ja schon seine Erfinder. KI ist auch schon unheimlich geworden.
Das ist die erste Enttäuschung. Es geht nicht mehr einfach so gerade aus, aufwärts mit dem Fortschritt, sondern er ist – er humpelt nicht nur, er fährt auch an die Wand.
Ich muss immer lachen. Wir Menschen sind ja komische Vögel. Wir haben erwartet, wenn der Wohlstand sich mehrt, dass wir dann auch glücklich werden. Ich auch, aber das stimmt nicht.
Also, ich komme aus – heute würde man sagen – armen Arbeiterfamilien, zehnköpfige Arbeiterfamilien. Ich hatte als Bub nie eine ganze Wurst auf dem Teller. Und was macht man jetzt mit dieser Situation? Was wünscht man dann? Endlich eine ganze Wurst, zwei Würste, drei Würste, ein Teller voller Würste, ne?
Und irgendwann stellt man fest: Wer mit zwei Würsten nicht glücklich wird, wird es erst recht nicht mit sieben.
Aber diese Lektion lernen wir verdammt ungern und vor allem hängen wir uns an die Wurst. Wir meinen, dass mein Glück liege in der Wurst und nicht in mir. Und weil wir das tun, vermehren wir sozusagen die Wurstumgebung und wir werden innerlich leer, weil wir das Glück sozusagen dislozieren, nicht mehr im Herzen haben, sondern in der verdammten Wurst.
Und sie wissen, nicht meine Wurst, jetzt nur so chiffremäßig. Also, sie können auch Sushi sagen oder eine Villa oder eine Jacht oder so nicht. Porsche Cayenne, ne?
Ich bin ja dank eines Buches sozusagen zum Alterschreck der Schweiz geworden, weil ich es total bescheuert finde, 25 Jahre Urlaub zu machen. Und das ist genau dasselbe. Ich kenne viele alte Leute, die wollen es – in der Schweiz können wir das so herzreißend sagen – schön haben, ne?
Und dann haben die – kennen ganz viele, die haben es schön, so schön, dass sie darin verdorren und richtig vertrocknen und schrumpfen, weil das nicht aufgeht. Es entsteht kein Automatismus zwischen äußerem Wohlstand und innerer Zufriedenheit. Das gibt es nicht.
Und die Jungen merken das übrigens jetzt. Ne, es gibt ja diese schlimmen Titel von Umfragen: Reiche Länder, triste Jugend. Für die Jungen ist tendenziell der Wohlstand selbstverständlich. Was selbstverständlich ist, ist kein Treiber mehr, ne? Oder wie die Ökonomen gern bildlich sagen, ist nicht mehr das Rübli vor der Nase, ne? Es ist kein Reiz mehr.
Aber was dann? Und das ist momentan die große Frage der jungen Generation. Sie wollen Sinn, wir wollten Wohlstand. Wir haben erwartet, dass der Sinn mit dem Wohlstand kommt. Das war ein Irrtum.
Ich sag nicht, dass er ohne sein muss, aber er kommt nicht automatisch mit dem Wohlstand. Das ist die Situation.
Das ist vielleicht hier im Bregenzerwald noch anders, habe ich mir sagen lassen. Äh bei uns und großo modo in Zentraleuropa stelle ich fest, wir machen wahnsinnig viel Kultur, aber wir haben keine.
Wir haben keine Kultur für die existentiellen Fragen. Geburt, Initiation, Heirat, Tod und so weiter. Da können sie nicht einfach ein bisschen theatern, ne? Das war mal die Kirche, das war die Religion. Wir wollen jetzt auf eigene Faust glücklich werden.
Und wenn das bisschen schief geht, dann fehlt uns die Sinnstabilität. Wir sind rastlos auf der Suche nach Dingen, Belohnungen. Irgendwie müssen wir unser Dasein mit Bedeutung füllen. Neues Auto, Tibet-Urlaub, Marathon. Und immer dann, wenn es nicht gut läuft, martern wir unser Hirn. Warum kippt die Karriere? Warum erkaltet die Liebe?
Und dann sind wir am Ende mit unserem Latein der Tellerwäscher-Erzählung. Wir sind an allem selber schuld. Das können wir uns aber nicht leisten. Das überfordert uns. Wir können nicht am eigenen Unglück auch noch selber schuld sein.
Das meine ich mit dem Vakuum der Kultur.
[Moderator-Zusammenfassung]
Drei Enttäuschungen nennt Philosoph Ludwig Hasler. Hier noch mal kurz zusammengefasst: Fortschritt ist zwiespältig geworden. Es geht nicht immer so geradeaus weiter. Oder anders gesagt, wir sind am Berg, haben aber das Klettern verlernt. Das Streben nach immer mehr ist in einer Sackgasse gelandet. Die Erwartung war, mit mehr Wohlstand wird man auch glücklich oder zumindest glücklicher. Aber jetzt stellt sich heraus, man wird innerlich leer. Man disloziert das Glück. Man hat das Glück nicht im Herzen, man sucht es im Außen, im Konsum, warnt Ludwig Hasler. Enttäuschung 3, ein kulturelles Vakuum. Es gibt keine Kultur mehr für existentielle Fragen wie Geburt, Tod. Früher sinnstiftende Institutionen sind erodiert. Also drei Enttäuschungen.
Und jetzt habe ich gesagt, ich erfreche mich jetzt äh für jede Enttäuschung eine Therapie anzubieten. Also, wie kommen wir raus aus der Midlife-Krise? Wie kriegen wir wieder Träume? Fantasie? Appetit auf Zukunft?
Das Gute an der Midlife-Krise ist ja, es ist nur eine Krise, es ist keine Apokalypse, es ist nicht zwingend ein Finale, ne? Eine Krise ist sozusagen ein Zwischenakt und vielleicht tut er uns ganz gut. Könnte auch ein Sprungbrett sein, um ein bisschen schlauer unterwegs zu sein, eine Einladung zum Handeln.
Erstens habe ich gesagt, erste Enttäuschung: Der Fortschritt wird zwiespältig. Therapie: Na und? Ist er halt zwiespältig, aber wer ist eigentlich schuld daran?
Also, ich muss immer lachen. Ich bin praktisch ohne technische Hilfsmittel aufgewachsen. Heute habe ich sogar so einen doofen autonomen Rasenmäher. Wir haben ungezählte technische Hilfsmittel. Eigentlich wären die dazu da, uns zu entlasten. Die wären dazu da, damit wir Zeit haben für etwas, wozu es Menschen braucht, für ein richtig menschliches Leben passiert.
So etwas – hat irgendjemand unter ihnen mehr Zeit dank vollautomatischem Rasenmäher, dank Handy und so weiter? Das Gegenteil ist der Fall, aber wir sollten jetzt nicht den Fortschritt dafür verantwortlich machen. Das liegt an uns. Dass wir in eine Hektik geraten. Das ist eine ganz andere Geschichte.
Ich meine, wir könnten angesichts der Zwiespältigkeit des Fortschritts nicht nur sagen, dann müssen wir aussteigen aus dem Fortschritt, also verzichten, Gürtel-enger-schnallen und so weiter, finde ich eigentlich auch interessant, aber äh ich glaube, die meisten wollen das sowieso nicht.
Also könnten wir sagen, wir müssten zurückkehren zu den Ideen dessen, was der Fortschritt versprach.
Also Mobilität beispielsweise, landet jetzt im Stau. Das ist eigentlich das Blödeste, was der Mobilität passieren kann, ne? Rasender Stillstand, Baudrillard.
Ja, wir könnten auch sagen, was war denn mit der Mobilität gemeint? Dass wir mehr Horizont haben, dass wir uns verwandeln unterwegs, dass wir einen inneren Reichtum gewinnen. Ist ziemlich futsch.
Ich bin umschwelt von Leuten, die permanent unterwegs sind. Und wissen Sie was? Sie kommen immer als dieselben zurück, als die sie gegangen waren. Das heißt, es ist ein Nullsummenspiel. Es passiert nichts.
Wir könnten die Ideen wieder aufgreifen. Oder im Wohlstand: Warum ist denn Wohlstand eigentlich erstrebenswert? Doch nicht darum, dass wir dann eine Menge Zeug haben, sondern dass wir unabhängig sind, dass wir eine Gestaltungsfreiheit gewinnen, dass wir etwas tun können damit und zwar bitte nicht nur für uns selber, sondern auch für andere. Das wurde ja in den Vorreden schon deutlich.
Den Fortschritt wieder mit der Idee anreichern: Mobilität. Ich habe immer gestaunt, also wir schaffen es ja nicht einmal, eine anständige Elektromobilität hinzukriegen, obwohl das ja Nullverzicht ist eigentlich nicht. Das ist äh und ich glaube es liegt daran, dass wir lange Elektromobile so behandelt haben, wie die ersten Grünen aussahen, ne?
Also diese Autos sahen so aus, als möchte man sich entschuldigen dafür, dass es überhaupt ein Auto ist, ne? Und diese ganze Industrie, diese Autoindustrie ist das Zukunftsärmste, der der zukunftsärmste Betrieb, den ich überhaupt je erlebt habe. Die wollen eigentlich keine Zukunft.
Wenn wir die Elektroautos so richtig futuristisch, so lustig farbig, leicht gemacht hätten, dass sie nach Futur schmecken, attraktiv. In Amerika spricht man vom Green Glamour. Dann hätten wir das ganz anders geschafft.
Wir brauchen Bilder. Wir brauchen Erzählungen einer Zukunft, nicht dass wir uns die Zukunft irgendwie abnötigen müssen mit Ächzen und Krächzen, ne? So Bilder einer Zukunft, wo viele sagen können, super, da will ich hin, da mache ich mit, das gefällt mir und so weiter.
Zweitens, zweite Enttäuschung war Wohlstand: Sackgassen des Wohlstands.
Ich habe schon gesagt, die Würste, der sinkende Grenznutzen. Mathematik ist nicht so beliebt, hier habe ich gehört. Äh, also mache ich es einfach. Sinkender Grenznutzen, Grenzwert. Äh, warum ist das erste Bier immer so viel besser als das siebte? Weil wir Durst haben. So einfach ist es.
Weil wir Durst haben und weil wir und weil dann klar ist, dass wir nicht einfach dem Mehr-mehr-mehr dieser Steigerungslogik ausgeliefert sind, dass wir nicht nur Anhängsel einer Gewohnheit sind.
Wohlstand wird häufig so diskutiert: Ja oder nein, mehr oder weniger. Ich plädiere dafür, den Wohlstand wieder zu füllen mit einer Persönlichkeit.
Ich musste mal einen Vortrag halten über Abfall. Habe ich eigentlich keine Ahnung, aber ich habe recherchiert und rausgefunden – das gilt für sie vielleicht ähnlich – in der Schweiz pro Tag und pro Nase inklusive Kleinkind 2 kg Müll produzieren.
Nimmt man so zur Kenntnis. Ich habe mich gefragt: Will ich das? Antwort: Nee, ich will eigentlich nicht der Hanswurst der Abfallgesellschaft sein. Ich will nicht der Vollidiot der Verpackungsindustrie sein, ne?
Seither bin ich ganz akkurat im Trennen von Müll, in der Ablehnung von Verpackung und so weiter. Das erzähle ich dann bei jeder unpassenden Gelegenheit, wie jetzt gerade. Und dann sagen mir die Leute: "Ja, ja, Ludwig, das ist ja schön von dir, aber du weißt schon, damit rettest du die Welt auch nicht."
Dann sage ich: "Ja, das weiß ich, aber ich rette mich. Ich rette meine Selbstachtung."
Und das ist für mich der Punkt. Ich rette meine Selbstachtung. Ich bin nicht das Anhängsel einer Überflussgesellschaft, sondern ich bin eine Person, ich bin ein Mensch, ich bin nicht das Passivmitglied meines Lebens, sondern ich bin der Akteur meines Lebens.
Ich bin nicht der Endverbraucher meiner Lebenschancen, ja, sondern ich bin die freie Person, die entscheidet. Das heißt, es ist ein Stolz, autark zu sein. Ich will überhaupt nicht moralisch sein, aber ich will autonom sein, ich will eine Person sein.
Wenn wir das in den Konsum zurückbrechen, dann hätten wir sehr schnell diese Kaskade von Mehr unterbrochen. Ich konsumiere, ich bin nicht der konsumistische Hanswurst.
Und das Dritte: Das kulturelle Vakuum. Kann man drüber lamentieren, ne? Aber man kann auch sagen, ja, füllen wir es halt. Ja, die Frage ist, wie?
Blum gesagt, mit Poesie füllen wir das Leben, mit Musik füllen wir es, mit Engagement?
Wissen Sie, ich glaube, was uns fertig macht und was uns so sauer macht momentan, das ist gar nicht irgendeine Form von Entbehrung, sondern das ist die Banalisierung des Lebens.
Und wir müssten diese Banalisierung, die sehr viel mit Ökonomisierung zu tun hat, müssten wir wieder poetisieren. Wir müssten sie besehlen, wir müssten sie begeistern.
Es fehlt uns ja – den allermeisten von uns – an nichts, außer an Bedeutung, an Beziehung, an Verbundenheit.
Insgeheim warten wir doch darauf, dass wir aus der Tristess unserer Selbstbesessenheit rauskommen. Dieses Ich, Ich, Ich banalisiert unser Leben. Wie kommen wir daraus?
Ganz einfach, indem wir eine Rolle spielen als Teil eines größeren Ganzen, indem ich mich eben nicht so als Atom sehe über diesen Planeten, sondern als Teil eines Ganzen. Und dieses Ganze gibt es aber nicht von selbst, sondern dieses Ganze gibt es genau in dem Maße, wie wir an diesem Ganzen aktiv teilhaben.
Ich stell mir immer vor, wir alle sagen: "Ja, mein Gott, was – wohin geht das mit der Welt?" Und sage ich: "Ja, aber ich kleiner Fisch, was kann ich schon ausrichten?" Und dann sage ich, wir können immer etwas ausrichten in unserer kleinen Welt, immer alle und zwar sofort.
Und es ist ganz einfach, wir könnten unsere kleine Welt sozusagen von innen her bereichern. Von innen her besehlen. Besehlen auch durch menschliche Beziehungen. Davon wird gleich noch mehr die Rede sein.
[Moderator-Zusammenfassung]
In Fokus spricht heute der Schweizer Philosoph und Journalist Ludwig Hasler zum Thema Wohlstand. Warum sind wir so gereizt, wo es uns doch besser geht als je? Dr. Hasler sagte, man müsse zurückkehren zu den Ideen dessen, was der Fortschritt versprach. Ihn wieder mit Ideen anreichern. Die Idee des Wohlstands sei nicht gewesen, mehr Zeug zu haben, sondern unabhängiger zu sein, auch etwas tun damit, auch für andere. In diesem Sinne müsse man das Leben wieder besehlen.
Also ich sage Ihnen nur kurz, das klingt vielleicht alles ein bisschen sehr poetisch. Ich sage Ihnen, das ganz praktisch mache.
Also, ich stehe am Morgen auf und gelegentlich habe ich auch eine schlechte Laune und zwar aus dem einfachen Grund, weil die Traumfabrik in mir null Rücksicht nimmt auf mich. Also was hinter meinem Rücken, wenn ich schlafe, da abläuft, ist eine Zumutung.
Ich gebe mir jetzt seit über 80 Jahren eine Heidenmühe, gut zu leben und dauernd im Traum muss ich irgendwohin, ich finde den Bahnhof nicht, ich habe keine Hosen an und so weiter. Das verfolgt mich dann am Morgen und ich bin einfach darum – nicht weil der Fortschritt kollabiert, sondern darum – ein bisschen sauer.
Und dann mache ich, was ich immer mache: Gehe ich über den Dorfplatz zum Kiosk und kaufe eine Handvoll Zeitungen. Ich könnte sie auch abonnieren, aber ich sage Ihnen jetzt, warum ich dort hingehe.
Also, ich bin so ein bisschen tief gestimmt, gehe über den Dorfplatz und sehe, die Frau im Kiosk erblickt mich. Und ob sie es glauben oder nicht, sie freut sich, dass ich komme, ne?
Und jetzt können Sie sagen, ja, also geht es noch banaler? Aber insgeheim wissen Sie, so etwas rettet den Tag. Die Frau freut sich. Sie freut sich mich zu sehen.
Ich kann Ihnen übrigens auch sagen, warum. Ich gehöre offenbar zu der raren Sorte Mensch, ich kann nicht anders. Wenn ich beim Kiosk bin – und ich habe 50 Jahre geraucht, ich habe eine reiche Erfahrung mit Kioskfrauen – ich kann nicht anders. Ich mach's auch in der Migros so an der Kasse, ich wechsle Worte mit der Frau.
Es können Sie sagen, ja. Und wann redet der eigentlich? Ich rede vom Kern menschlicher Beziehung. Das macht menschliches Leben aus.
Indem ich ein paar Worte wechsle, interessiere ich mich für die Frau. Ich frage sie etwas und ich erlöse sie damit aus ihrer reinen Funktion als Verkäuferin und sie erlöst mich aus meiner reinen Funktion als Konsument.
So beginnt das von Mensch zu Mensch als Interesse.
Und was ich feststelle ist, das mit zunehmendem Wohlstand – genau dieses Interesse schwindet im gleichen Maße, weil wir nämlich unsere Interessen an Dinge hängen, statt an Menschen.
Indem wir uns füreinander interessieren – die Alten für die Jungen, dringend notwendig, ne – beginnt so etwas wie eine Beziehung.
Und sie haben vielleicht schon von der Harvard-Studie gehört, seit 85 Jahren jedes Jahr: Was macht sie glücklich rund um den Erdball? Was meinen Sie? Was ist es so? Ne, also Porsche Cayenne kommt gar nicht vor. Äh Teneriffa-Flug auch kaum, ne?
Beziehung, freundliche, warme, verlässliche Beziehungen.
Und ich habe jetzt extra von der Beziehung zur Kioskfrau geredet. Das ist nichts Sensationelles. Wir neigen heute dazu, uns auf die Familie zu konzentrieren, meine Liebsten und so weiter, und nichts dagegen. Ich habe schon Urenkel, also ich bin da in dieser Beziehung nicht untätig, ne?
Aber ich sage Ihnen, im Alter zeigt sich, was das Leben bedeutet, wenn es aufhört damit, dass sie einfach immer wegfahren. Wir haben uns ja daran gewöhnt, wenn wir ein bisschen Zeit haben, hauen wir ab. Ja, die Sehnsuchtsorte über den Planeten verteilt. Das hört irgendwann auf. Es wird im Übrigen auch immer unattraktiver, weil es schon total verstopft ist überall. Übrigens schon der Pilgerweg ist verstopft.
Ja, also ist die Rettung eigentlich nur da, wo wir leben, das Leben reich machen. Und das Leben reich machen heißt Beziehungen reich machen. Und das beginnt mit dem Interesse.
Wir müssen die nicht alle Menschen lieben, das ist unmenschliche Sache. Aber das Interesse kann ich machen, ich kann es organisieren.
Das ist meine Vorstellung. Und dann haben wir das, was ich einen reziproken Egoismus nenne. Ich bin interessiert an dir und wer hat am meisten davon? Ich selber.
Und das gäbe Zuversicht. Zuversicht ist nicht Optimismus. Es gibt eben den Streit zwischen den Optimisten und den Pessimisten. Pessimismus halte ich für Zeitverschwendung. Die Optimisten halte ich für blauäugig.
Es gibt eine Pflicht zur Zuversicht und die beginnt im Quartier, im Dorf mit dem Interesse am anderen und siehe da, es wird belebt, es wird besehlt, es wird menschlich, es wird ein Ort eines auskömmlichen, vielleicht sogar glücklichen Lebens.
[Moderator-Schlusswort]
Der Schweizer Philosoph und Autor Dr. Ludwig Hasler sieht freundliche, warme, verlässliche Beziehungen als Glücksquelle. Die machen innerlich reich. Dazu braucht es Interesse am anderen Menschen. Ludwig Hasler empfiehlt daher, das Interesse nicht an den Konsum zu hängen, an Dinge, sondern an den Menschen. Sein Vortrag wurde bei den Hittisauer Landgesprächen im Ritter-von-Bergmann-Saal aufgenommen und mir dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
Quelle: Hittisauer Landgespräche - "Wohlstand, wie weiter"
Vortragender: Dr. Ludwig Hasler
Video: https://www.youtube.com/watch?v=e7OhiDk-930